Warum wir uns stillschweigend gegenübersitzen

Aktualisiert: 15. Okt 2021

Meine Frau und ich durften diesen Sommer und auch anfangs Herbst einige tolle Reisen, Ausflüge und Weekends zusammen geniessen. Während diesen Ausflügen kam es hin und wieder auch zu Restaurant- oder Café-Besuchen. Was wir dabei teilweise beobachtet haben, stimmte uns nachdenklich. Paare, die einen ganzen Abend kein Wort miteinander reden, sich stillschweigend gegenübersitzen und entweder das Treiben im Restaurant beobachten oder ins Handy starren. Was ist mit uns los, dass wir nicht miteinander reden können?



Auschlaggebend für diesen Blog war eine Beobachtung am Wochenende in Italien in einem Restaurant, als sich eine vierköpfige Schweizer Familie zum Essen neben uns setzte. Die Frau, es wird die neue Partnerin des Mannes sein (sie stellte den Kindern bezüglich des Essens eine Frage, die nur eine Frau stellt, die nicht weiss, was die Kinder gerne essen), ging zur Toilette und während dieser und auch der Zeit danach sprach der Vater kein Wort mit seinen Kindern (ca. 12 und 15 Jahre). Auf den Gesichtern aller konnte ich förmlich die Trauer und Enttäuschung ablesen. Nicht die Enttäuschung über die Trennung, sondern die Verzweiflung, dass man nicht miteinander reden kann.


Keine Angst, ich hole nicht zu einem Verurteilungs-Rundumschlag aus, denn ich kenne dieses Verhalten nur zu gut aus meiner eigenen Vergangenheit. Auch heute noch muss ich mich des Öfteren überwinden, mit meiner Frau ganz "banale" Gespräche zu führen, vielleicht einfach nur darüber, was ich gerade denke, fühle oder warum ich gerade gedanklich abwesend bin. Warum uns dies so schwerfällt? Ich kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen und der meiner Klienten sprechen. Wir alle wollen doch nichts weiter als einfach angenommen werden, gefallen, RICHTIG sein. In meinen Augen haben wir Männer oft das Gefühl, wir dürften nicht sagen, dass wir im Moment gedanklich bei der Arbeit sind und nicht beim romantischen Nachtessen. Wir teilen nicht mit, dass wir enttäuscht sind, weil uns ein Kollege im Büro geschnitten und uns dies irritiert hat. Wir offenbaren nicht, dass uns die familiäre Situation überfordert und wir Angst haben, Fehler zu machen oder etwas Falsches zu sagen. Oder es ist uns nicht möglich, uns zu entschuldigen und das Schweigen zu brechen, weil wir zuvor etwas zu schroff oder ungerecht reagiert haben.


Sehr oft sind es Traumata aus der Vergangenheit, die uns daran hindern, unser Innerstes preiszugeben, uns verletzlich zu zeigen. Gabor Maté, ein in Ungarn geborener kanadischer Mediziner und Spezialist für die Heilung von Traumata, schreibt so wunderbar über diese Wunden der Vergangenheit und wie man diese heilen kann, denn darum geht es. Wir dürfen lernen mit den Ängsten, der Wut, der Scham usw., die uns zum Schweigen bringt, umzugehen, mit diesen Emotionen in Einklang zu kommen, alleine oder begleitet. Ich ermuntere meine Klienten immer mal wieder in gewissen Situationen zu sich zu stehen und dem Gegenüber zu erläutern, was gerade in einem vorgeht. Ohne Erwartung, dass das Gegenüber etwas ändert, sondern um sich selbst wahrzunehmen und ehrlich zu sich zu sein.


Beispiel: „Schatz, ich bin gerade selbst etwas enttäuscht von mir, da ich eigentlich gerne mit dir in Verbindung sein und den Abend geniessen möchte, ich weiss jedoch nicht, was und wie ich es sagen soll.“ Tönt doch so einfach, ist aber für die meisten eine grosse Challenge. Und warum? Weil wir es nicht gelernt haben! Wir haben nicht gelernt über unsere Gefühle, Ängste, Emotionen usw. zu reden und daher wissen wir nicht, wie wir ein solches Gespräch eröffnen können. Doch die meisten sind danach überglücklich. Erstens, weil sie sich persönlich etwas leichter fühlen, und zweitens, weil sie merken, dass das Gegenüber über diese Offenheit in den meisten Fällen sehr erleichtert ist. Denn das Gegenüber hat in den Momenten der Stille oftmals die Gefühle: „Der will mich gar nicht mehr“, „er findet es nicht spannend, mit mir zu reden“, „er verschweigt mir sicher was Schlimmes“, „ich bin es nicht wert, dass man mit mir spricht“, „er sieht mich gar nicht mehr“ und vieles mehr. Erlösen Sie das Gegenüber und sich selbst, Sie werden erkennen, dass für beide eine wunderbare Heilung darin versteckt sein kann. Spannende und aufschlussreiche Gespräche Thomas Schärer

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